Indianer am Gymnasium Unterrieden

16. Juni 2010: Besuch aus Amazonien

Seit 2001 hilft das Gymnasium Unterrieden - koordiniert von Oberstudienrätin Johanna Wrobel - in Zusammenarbeit mit der Hilfsorganisation POEMA bei der Finanzierung von Trinkwasseranlagen für indigene Gruppen im Regenwald Amazoniens. Im vergangenen Sommer machten sich Michael Vieweg (der gerade sein Abitur abgelegt hatte) und Alexander Scheiter (jetzt Klasse 12) auf den Weg, um vor Ort einen Film über das Leben und die Probleme der Wajãpi zu drehen. So eindrücklich das für die Schulöffentlichkeit auch war, jetzt wurde noch eins draufgesetzt: Waiwai, ein Häuptling der Wajãpi, und Patena, ein Wajãpi, der sich zum Krankenpfleger hat ausbilden lassen, waren zu Gast in der Schule. Sie wurden begleitet von Gerd Rathgeb und Johann Graf von POEMA-Stuttgart e.V., von Simone Ribeiro von der brasilianischen Hilfsorganisation Iepé, und von Nair Sommer, einer in Stuttgart lebenden Brasilianerin, die als Übersetzerin fungierte.


Schulleiter Maier bei der Begrüßung


Alexander Scheiter, der durch die Informationsveranstaltung führte, versuchte seinen Mitschüler(inne)n zunächst eine Vorstellung vom Umfeld der beiden Wajãpi zu geben: Zurzeit gibt es noch rund 900 Wajãpi, ziemlich genau so viele wie Schüler/innen am Gymnasium Unterrieden.


Man stelle sich also vor, an der Schule lebten alle Altersgruppen, man hätte eine eigene Sprache, eine eigene Kultur, eine eigene Moral, sei kulturell völlig autonom und müsse sich ausschließlich aus dem Schulgarten ernähren! All das treffe auf die Wajãpi zu - bzw. nur auf die rund 690, die noch in Brasilien leben. Diejenigen in Französisch-Guayana seien längst in der übrigen Bevölkerung aufgegangen und lebten in den Großstädten - vornehmlich in den Slums. Dass die brasilianischen Wajãpi kulturell autonom leben können, liege vor allem daran, dass sie rechtzeitig reagiert haben und um ihr angestammtes Gebiet eigenständig eine Grenze gezogen haben. Dennoch waren und sind sie vielfältig von außen bedroht: durch Goldsucher und Minenarbeiter ( so genannte Garimpeiros), durch Missionare, durch Holzfäller, aber auch durch Lebens- und Genussmittel, die ihnen fremd sind.


Simone Ribeiro (rechts) von Iepé lieferte sozusagen eine Sicht von weiter innen. Die Iepé, eine Nicht-Regierungsorganisation in Brasilien, besteht aus Anthropologen, Pädagogen und Linguisten, hauptsächlich von der Universität in Sao Paulo. Sie ist so etwas wie ein Mittler zwischen den indigenen Gruppen und der Regierung. Oberstes Ziel ist die Stärkung der indigenen Organisationen vor Ort (die apinas) durch deren Befähigung zur Teilhabe am politischen Leben und die Dokumentation von indigenem Wissen (Enzyklopädie des Waldes, Weltauffassung, Heilpflanzen).


Das bedarf einer sprachlichen Ausbildung ( Portugiesisch im Allgemeinen sowie "Regierungssprache" im Besonderen) sowie einer Einführung in die Methode des Forschens. Dabei ist der Wunsch der Wajãpi nach eigenen Lehrern deutlich geworden. Er wird - finanziert von der brasilianischen Regierung und von international tätigen Hilfsorganisationen - nach und nach erfüllt. Nicht erfüllt werden konnte lange Zeit der Wunsch nach eigenen Gesundheitshelfern. Das wurde erst möglich durch die Arbeit von POEMA (Bild: Johann Graf von POEMA-Stuttgart).


Höhepunkt der Veranstaltung war die Innensicht von Häuptling Waiwai, vermutlich so um die siebzig Jahre alt. Er spricht nur die Wajãpi-Variante des Tupi-Dialektes, weshalb sein Beitrag erst von Patena ins Portugiesische und dann von Frau Sommer ins Deutsche übersetzt werden musste. Im kraftvollen, melodiösen Ton seiner Sprache schilderte er das bis dahin friedliche Leben der Wajãpi, bis man schließlich den bis dahin völlig unbekannten Weißen begegnete. Er erzählte von den Krankheiten, denen man hilflos ausgesetzt war und denen viele zum Opfer gefallen sind, vom erfolgreichen Vertreiben der Goldwäscher, die durch ihr Tun die Flüsse immer mehr verdreckt hatten. Besonders eindrucksvoll dann seine Schilderung von der zufälligen Entdeckung eines Flugzeuges auf einer Schneise, die man in den Wald geschlagen hatte, vom Rat der Häuptlinge, wie die Weißen vertrieben werden könnten, und vom Resultat: "Wir waren mutige Krieger und haben das Flugzeug angezündet."


Auch wenn die Weißen damit nicht endgültig vertrieben werden konnten, hatten die Wajãpi damit immerhin erreicht, dass man sie wahrnahm und anfing, für ihre Rechte zu streiten. Eines der größten Probleme, um dessen Lösung sich inzwischen auch POEMA bemüht, ist die medizinische Betreuung. Darüber gab Patena in der noch zur Verfügung stehenden Zeit Auskunft. Wohl gebe es staatliche Gesundheitshelfer, aber die operierten lediglich vom Fluss aus und erreichten daher nur einen kleinen Teil der Wajãpi. Schließlich müssten sie weit verstreut leben, um ihr Gebiet sichern zu können. Außerdem sprächen die staatlichen Helfer in der Regel nur portugiesisch, was wiederum nur ganz wenige verstehen können. Da sie keine permanenten Gesundheitsposten im Wajãpi-Gebiet unterhielten, sei man oft bis zu zehn Monate ohne Betreuung. Von besonderer Bedeutung sei überdies die Ausbildung von Frauen zu Gesundheitshelferinnen, weil Frauen nicht mit Männern über ihre Krankheiten sprechen dürften oder wollten. Sein Dank, dem wir uns gerne anschließen, ging an POEMA, die dieses Problem nun tatkräftig angingen. Auf dem Bild von links: Gerd Rathgeb, Vorsitzender von POEMA-Stuttgart, Häuptling Waiwai, Patena, Nair Sommer, Simone Ribeiro


Reinhard Holländer