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Praktikumsbericht
Ohne zu wissen, was tatsächlich auf mich zukommen würde, habe ich pünktlich zum ersten Schultag im Schuljahr 2005/2006 mein Praxissemester am Gymnasium Unterrieden angetreten. Jenes Praxissemester ist in Baden-Württemberg obligatorisch und alles, was ich darüber wusste, war, dass ich an einem Gymnasium 30 Stunden selbst halten und etwa 100-120 Stunden hospitieren sollte. Gerade erst hatte ich meine Zwischenprüfung abgeschlossen, der Beginn meines Studium, ja sogar mein Abitur und somit meine eigene Schulzeit waren mir noch völlig bewusst, und doch wusste ich, dass ich in den nächsten 13 Wochen als Frau Zeller vor den Schülern stehen würde, um ihnen Dinge beizubringen, die ich selbst erst vor kurzer Zeit erlernt und vertieft hatte.
Bekanntlicherweise steht in der Universität die wissenschaftliche Arbeit im Vordergrund; weder über den Aufbau einer Unterrichtsstunde, noch über pädagogische Verhaltensweisen und eigentlich auch keineswegs über den Unterrichtsstoff an der Schule bekommt man viel mit. All das aber würde nun also auf mich zukommen. Neben dieser Angst, den Wechsel vom Schüler zum Lehrer vollziehen zu müssen, Verantwortung tragen zu müssen, Vorbild, strenges, konsequentes Vorbild sein zu müssen, gab es da in mir natürlich auch eine große Freude und Spannung darüber, wie sich all das anfühlen würde; der Reiz, sich zum ersten Mal tatsächlich als Lehrer beweisen zu können, ausprobieren zu können, ob dies einem liegen würde, war überwiegend positiv und auf jeden Fall das vorherrschende Gefühl.
Schon in den ersten Wochen beim Hospitieren habe ich die Lehrer ganz anders beobachtet als damals, als Schüler, obwohl ich auch hier oft in den Schülerreihen saß und auch manchmal mir völlig neue oder bereits vergessene Dinge hören konnte. Die Art, schon wie ein Lehrer das Klassenzimmer betritt, wie er die Stunde beginnt, die Fragen formuliert und mit den Schülern umgeht, war bei jedem so unterschiedlich. Früher war ein Lehrer doch einfach ein Lehrer und die 45 Minuten sollten möglichst schnell vorbeigehen. Natürlich gab es nettere und weniger nette Lehrer, vielleicht sogar schon bessere und schlechtere, aber im Endeffekt war Schule doch einfach ein Muss und der Lehrer der Feind. Von dieser Einstellung musste oder durfte ich mich nun endlich befreien. Und mit Erstaunen habe ich festgestellt, wie sehr sich die Lehrer (zumindest am Gymnasium Unterrieden) um die Schüler bemühen, wie wichtig sie ihnen sind, wie wenig gerne sie schlechte Leistungen sehen, wie viel Zeit sie für Unterrichtsplanungen investieren.
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All das ist, kann einem Schüler wohl gar nicht so bewusst sein. Wobei ich schon das Gefühl hatte, dass die meisten Schüler dieses Engagement der Lehrer durchaus spürten; die Atmosphäre dieser Schule ist einfach bemerkenswert. Sowohl Lehrer als auch Schüler kommunizieren miteinander, kümmern sich umeinander, gehen aufeinander zu. Das aus dieser Rolle, eigentlich aus der Lehrerrolle, aber innerlich doch auch irgendwie doch immer noch so sehr auf Seiten der Schüler so objektiv wahrnehmen zu können, war ein wunderbares Erlebnis.
Nach und nach konnte ich natürlich auch bei mir Veränderungen wahrnehmen. Die Schüler habe ich schon immer ernst genommen (anfangs vielleicht sogar noch ernster als die Lehrer - ich musste tatsächlich erst in diese Lehrerrolle kommen), aber ich konnte mich selbst zu Beginn kaum als Autoritätsperson anerkennen, wollte das auch nicht sein, ich wollte nicht mit "Frau Zeller" angeredet werden von Schülern, die kaum jünger sind als ich. Doch nach und habe ich mich in diese Rolle eingefunden und dabei zum Glück doch niemals die Schülerseite vergessen. Ich denke, wenn ein Lehrer genau das über einen Lebenszeitraum schaffen kann, seine Autorität zu akzeptieren und gleichzeitig nicht mit ihr zu spielen, die Schüler mit ihren Problemen, Meinungen, Lebenswelten weiterhin ernst zu nehmen, das eigene Schülerdasein nicht zu vergessen, dann ist er ein guter Lehrer und dann spüren das auch die Schüler. Bei dem Einfinden in diese Rolle hat mich aber auch das gesamte Lehrerkollegium unglaublich unterstützt, denn vom ersten Tag an wurde ich dort als Kollegin empfangen und behandelt. Auch wenn dies am Anfang schwierig war, denn schließlich war ich doch noch durch und durch Student, so hat mir das sehr viel Kraft, Mut und Energie gegeben, diese Rolle der Kollegin aus dem Lehrerzimmer in die Klassenzimmer zu tragen. Dafür möchte ich an dieser Stelle all den tätigen Lehrerinnen und Lehrern danken; nicht nur denen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, die mich betreut und unterstützt haben, sondern auch all jenen, die ich tatsächlich nur vom Sehen, vielleicht vom Namen her kannte, denen ich an der Kaffeemaschine begegnet bin oder in der Schlange am Kopierer. Jeder einzelne hat mich als seine Kollegin anerkannt und mich dies auch spüren lassen.
Was weiterhin eine wichtige Erfahrung für mich war, war der Umgang der Lehrer mit den unterschiedlichen Klassenstufen. Während Lehrer in der Unterstufe, vor allem in den fünften Klassen, doch nahezu eine Mutter- oder Vater-ähnliche Rolle einnehmen, geduldig sein müssen, vorsichtig mit allem, was sie sagen, Ironie unterdrücken müssen, voller Ehrfurcht behandelt werden, so können Lehrer in der Oberstufe doch auch mit Witz und teilweise Sarkasmus an die Sache gehen, können die Schüler auch selbstständig arbeiten lassen, sind manchmal vielleicht eher Freund oder Mentor. In der Mittelstufe hingegen muss man durchgreifen, die Schüler motivieren, manchmal fast zwingen, sich zu beteiligen, still zu bleiben; hier ist man meiner Meinung nach am meisten hauptsächlich Lehrer, da Schüler in diesem Alter alles andere im Kopf haben als Schule. Die Unterstüfler sind noch so wissbegierig und neugierig, die Oberstüfler schon ernsthaft interessiert und oft aus Eigeninitiative informiert. Das war für mich stets das angenehmere Klima, wobei ich nicht abstreiten kann, dass ich auch in der achten Klasse eine Menge Spaß hatte und - natürlich- sehr viel lernen konnte.
Alles in allem hat mich dieses Schulpraktikum wieder viel näher zu meinem Wunsch, Lehrer zu werden, gebracht, als dieser während meines so theoretischen Studiums in mir war. Vor allem meine Angst, als Lehrer würde man irgendwann stehen bleiben, nicht mehr weiterkommen, sich nicht mehr weiterbilden, alles außer seinem zu unterrichtenden Stoff irgendwann vergessen haben, ist fast vollständig verschwunden. Denn nicht nur die fachliche Kompetenz der Lehrer, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, sondern auch der Reiz, sich immer wieder auf neue Klassen, neue Schüler, neue Menschen einlassen zu müssen und dürfen, hat mich überzeugt.
Ich danke besonders Frau Hauffe, die stets für mich da war, mir zugehört hat, mir geholfen hat, mich einzufinden, aber auch meinen Betreuern Herrn Braun und Herrn Terry, die durch ihre Erfahrenheit, ihre Kompetenz und ihren Umgang mit den höheren Klassen stets ein Vorbild für mich waren. Ein ebensolcher Dank geht an Frau Kreutz-Summ, die mich sehr eindrucksvoll in den Umgang mit Fünftklässern eingeweiht hat und mir schon in der Anfangsphase Stunden zugetraut und somit nicht nur Verantwortung übergeben, sondern auch Mut und Selbstbewusstsein gegeben hat. An dieser Stelle darf ich auch danke sagen dafür, dass Sie, Frau Kreutz-Summ, mir ermöglicht haben, an Projekten wie dem Zooausflug, dem Besuch des Tigerentenclubs sowie dem Kennenlernnachmittag der Fünftklässler mit eingeübtem Theaterstück, teilzunehmen und sogar mitzuwirken. Ebenso geht ein persönlicher Dank an Lena Blum, mit der ich die Achtklässler bändigen durfte und die mir ebenfalls diese doch sehr laute Klasse für einige Stunden komplett übergeben hat. Natürlich möchte ich auch dem Direktor Herrn Maier und dessen Stellvertreter Herrn Schmitt herzlich danken. Auch von diesen beiden "Anführern" (Sie verzeihen mir dieses Wort) wurde ich sofort als Kollegin anerkannt, jeden Morgen per Handschlag begrüßt und so oft gefragt, wie es mir geht. Genau das ist der Umgang, den ich so bewundernswert fand: dieses sich kümmern umeinander, das es einem Neuling natürlich sehr erleichtert, sich in dieses fest zusammengeschweißte Rudel (diese Metapher musste nach den Anführern kommen) einzuleben und sich darin wohl zu fühlen. Ich könnte an dieser Stelle noch vielen anderen danken, dem Volleyballteam des Lehrersports, mit dem ich so viel Spaß hatte (bei dem ich mich aber wohl fast entschuldigen müsste, weil ich wider mein Versprechen nach Ablauf meines Praktikums nicht wieder erschienen bin), den Lehrern, die mir bei einem Kaffee, am Kopierer oder einfach zwischendurch Glück gewünscht haben und die es mir einfach alle miteinander sehr erleichtert haben, die Rolle des Lehrers anzunehmen und zuletzt auch den Schülern, die mich als ihre Lehrerin akzeptiert und mir so ermöglicht haben, mich in diese Rolle einzufinden und mich in ihr wohlzufühlen.
Das Resümee meines kleinen Erfahrungsbericht ist einfach und eindeutig: Das Praxissemester ist eine äußerst sinnvolle Sache, bei der man nicht nur viel lernen, viele Erfahrungen sammeln und viel ausprobieren kann, nicht nur, weil man den Lehreralltag mit seinen stressigen wie auch seinen schönen Momenten erleben und völlig ohne Auflagen das Lehrerdasein einfach mal ausprobieren kann, sondern auch, weil man unglaublich viel Spaß mit Schülern und Lehrern haben kann. Zumindest, wenn man Praktikant am Gymnasium Unterrieden ist…
Vielen Dank für diese lehrreichen und wunderbaren Wochen!
Julia Zeller
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